Du sollst nicht lügen

Du sollst nicht lügen

Du sollst nicht lügen

„Warum soll ich  eigentlich nicht lügen?“, fragte mich mein engelsgleiches Patenkind neulich, als ich es von der Schule abholte und zum Reiten fuhr. Sie liebt Pferde. „Warum du nicht lügen sollst?“, lachte ich und griff sie etwas fester bei der Hand, um sie zum Wagen zu geleiten. Als Erstes fielen mir die zehn Gebote ein, aber was die Kids heutzutage in der Schule lernten, damit war ich nicht vertraut. Ich konnte mich nicht einmal mehr daran erinnern, was wir eigentlich im Reliunterricht durchgenommen hatten, zu einer Zeit, da es noch keine Ethik-Kurse gab. Vermutlich war es damals auch um die Religionen als solche gegangen. Mein Konfa-Bibelvers war ebenfalls in einigen Wirren meines Lebens untergegangen und die Zehn Gebote bekam ich auch nur noch mit Mühe zusammen. Die Blöße wollte ich mir nicht geben und zählte sie ihr also nicht auf, auch wenn die als Richtlinie für zwischenmenschliches Leben hoffentlich immer noch Gültigkeit hatten. Bis auf Gebote, wo Religion oder Gott drin waren, waren die meisten dieser zehn Richtlinien in das deutsche Rechtssystem eingebaut worden. Auch in der Verfassung hatte wohl eine christlich-jüdische Vorstellung mit einem schon im Alten Testament als Grundkonzept verankerten Schutz der Schwachen (Witwen und Waisen) Einzug gehalten. Letztlich hatten Christen in der Vergangenheit einiges bewegt, wie etwa der anglikanische Pfarrer John Wesley, der für die Abschaffung der Sklaverei eingetreten war. William Wilberforce gelang es schließlich, 1809 ein völliges Verbot der Sklaverei in England zu erwirken. In Deutschland hatte Otto von Bismarck zahlreiche bis heute einzigartig in der Weltgeschichte gültige Sozialreformen eingeführt. 1883 war es die gesetzliche Krankenversicherung gewesen, 1884 die Unfallversicherung und 1889 die Rentenversicherung. Aber wäre das eine ernstzunehmende Antwort auf die Frage meines modernen Patenkindes gewesen – nicht zu lügen, weil ein Gott das in seinen zehn Geboten der Menschheit mal mit auf den Weg gegeben hatte?

Gibt es unterschiedliche Grade von Lügen?

„Also welche Lügen meinst du denn?“, arbeitete ich mich vorsichtig vor. Schwungvoll nahm mein blondes Patenkind auf dem modernen Kindersitz Platz und schnallte sich wortlos an. Auf dem Weg um das Auto herum überlegte ich, wann ich das letzte Mal gelogen hatte und ob sie etwas mit mir klären wollte, was ich vielleicht falsch gesagt oder schräg rübergebracht hatte. Als ich den Schlüssel ins Zündloch steckte, hörte ich von hinten: „Papa meint, es werden so viele Lügen im weltweiten Netz verbreitet, dass er sich fragt, warum er überhaupt Lesen gelernt hat.“ Wieder musste ich lachen. „Aber du überlegst doch jetzt nicht, warum du in der Schule unter anderem Lesen lernst oder?“ Ich sah im Rückspiegel mein Patenkind schmunzeln. „Hast du was zu essen?“, fragte sie stattdessen, was ich an der nächsten roten Ampel konkret mit einem Puddingteilchen (ich komme aus dem Rheinland und kann mich an einige Begriffe in Berlin immer noch nicht gewöhnen) beantworten konnte. Neben Pferden mochte Joana alles was süß war. Wenigstens achteten die Eltern im Gegenzug auf genügend Sport und zahlten Beiträge für allerhand Vereine. In diesem Sinne, fand ich, sei Joana nicht schützenswert. Was Lügen heutzutage oder Mobbing betraf, vielleicht eher – genauso wie alle anderen auch. Was da in Schulen so abging war ja nicht unbedingt immer ein Zuckerschlecken. Das machte mir Joana gerade vor und hielt mir lächelnd etwas von der Zuckerbrezel hin, was ich dankend ablehnte, viel zu versunken war ich in die Frage, wann ich das letzte Mal richtig gelogen hatte. „Weißt du“, sagte ich, „vielleicht gibt es unterschiedliche Grade von Lügen. Manches sind Halbwahrheiten, manches vielleicht glatte Lügen. Wie hälst du das denn so mit kleinen und größeren Lügen?“, fragte ich. Joana kaute genüsslich und da ich sie kannte, war ich davon überzeugt, dass sie ähnlich gradlinig wie ihre gesamte Familie war. Die äußerten sich teilweise humorvoll und teilweise respektvoll, wenn es um Fehlhaltungen welcher Art auch immer ging. Ich konnte mir also nicht vorstellen, dass dieses Kind auf dieser Ebene größere Schwierigkeiten haben konnte. Und tatsächlich vertonte sie, was ich mir eigentlich schon gedacht hatte. „Ich bin eher direkt“, erwidert sie. Ich nickte. Aber gehörte eine gewisse Form von Direktheit nicht trotzdem in einen weiter gefassteren Bereich von Lüge, überlegte ich. Was war mit der AfD, die auch sehr direkt war, aber diese Direktheit fast wie ein Angriff anmutete, den es abzuwehren galt. Und wenn bestimmte Schlagworte schon das Licht der Öffentlichkeit erblickt hatten, galten diese dann als Unwahrheit oder wurden sie automatisch zu Wahrheiten? Damit meinte ich Polemik und Populismus. Wie viele Machthaber argumentierten, auf der Seite „des Volkes“ zu stehen und meinten eigentlich, die Elite zu sein, die den Stein der Weisen zur Regierung, oder sollte man lieber – zur Reglementierung besaß. In dem Zusammenhang ärgerte mich, wieviel Kraft und Gegenwehr es brauchte, um einmal verbreitete Anschuldigungen oder direkte Kampfansagen in ein Maß zu bringen, das einer Demokratie würdig war. Oder ging es heutzutage doch wieder eher darum, Diktaturen zu etablieren, die erst auf der Macht von Worten, dann auf der Macht von Waffen und schließlich auf der Macht von Gesetzen fußten? Wollte ich derzeit in den USA, in der Türkei, Russland oder in Nordkorea leben? Sicher nicht, gut 70 Jahre nach Nazideutschland. Und jetzt saßen Rechtsradikale ausgerechnet auch hierzulande wieder im Parlament. Musste das sein? Und beruhte das auf Lügen oder auf menschlichen Sehnsüchten? Und wenn – nach was überhaupt? Nach Recht und Ordnung oder nach Sicherheit für den Einzelnen? Oder wollten alle einfach mal jemand sein – innerhalb einer Nation, von der es hieß, sie sei stark, mutig und die einzig Seeligmachende, also der Nationalstaat jetzt mal also solcher. In einer globalisierten Welt. Also jetzt weniger erste bis dritte Welt, sondern eins im Sinne sämtlicher Auswirkungen. Und wenn ich mein westeuropäisches Patenkind so betrachtete, was machte sie eigentlich seelig, außer Reiten natürlich?

Ist Direktheit eine Form verschleierter Lüge?

Als ich mit meinen eigenen Gedanken nicht mehr weiterkam erreichten wir gerade den Reiterhof. Auch mich beruhigte der Geruch von Land, Stroh und Pferdemist, schließlich war ich auf dem Dorf großgeworden. Ehe ich mich und alles sortiert hatte, was ich brauchte, war mein Patenkind schon zum Gatter gestürmt und nahm gerade Kontakt zu einer hellbraunen Stute auf. Kurz darauf kam ein anderes Mädchen auf Joana zugestürmt. Ich hätte jetzt erwartet, dass sich die beiden in hoher Stimmlage begrüßen würden, stattdessen goss das etwa einen Kopf größere Mädchen eine Tirade an Anschuldigungen über Joana aus, dass selbst mir schwindelig wurde. Jona hingegen schien es mit Humor zu nehmen. Das würde ich mal ein selbstbewusstes und selbstsicheres Kind nennen. Anstatt auf selbiger Ebene zu antworten, drehte sich Joana zu mir um und fragte mich, ob ich an die Möhren gedacht hätte. Hatte ich natürlich und trat mit der Plastiktüte, auf der Bio stand, an die beiden Mädchen heran. Ich überlegte noch, mich vorzustellen, als sich das andere Mädchen vor mir auftürmte und zu mir sagte: „Joana will immer mein Pferd reiten“. Ich war völlig perplex. Wo war denn die Reitlehrerin, mit ihrer Autorität hätte sie vielleicht den Streit innerhalb von Sekunden schlichten können. Stattdessen hörte ich meine Patentochter sagen: „Sie ist nicht dein Pferd und ich nehme dir gar nix weg.“ Wie im Kindergarten, durchzuckte es mein Gehirn. „Wo zieht ihr euch denn um?“, fragte ich, äußerlich ruhig. „Da hinten“, zeigte das Mädchen. „Gut“, übernahm ich die Führung, „dann zieht euch doch schon mal um“. Was ich nicht registriert hatte war, dass das Mädchen bereits in Reitklamotten vor uns stand. „Ihr seid zu spät“, atmete sie aus und ich tief ein. Mehrmals, so wie es mich ein Antiaggressionstrainer mal gelehrt hatte. „Gut“, lächelte ich freundlich und wollte Joana bei der Hand nehmen, die ihre wegzog und voranstapfte. „Diesmal reite ich Virginia“, gellte es von hinten hinter uns her, was mir wie eine Maschinenpistole an aggressiven Worten vorkam. „Wer ist das denn?“, fragte ich mein Patenkind auf dem Weg zum Gestüt. „Michelle“, klärte mich Joana auf. Mehr kam von ihr nicht. Doch der Vorwurf, Joana nehme Michelle das Pferd weg, blieb. Steckte in dieser direkten Auseinandersetzung eine Lüge, die einfach nur gut verschleiert war und was sollte ich jetzt tun?

Nach welchen Kriterien wird denn hier entschieden

Nachdem sich auch Joana umgezogen hatte, lief ich mit ihr zur Reitlehrerin und stellte mich vor. Ich war quasi keine Verwandte oder direkte Angehörige, was meinen Stand automatisch schwächte. Kam es jetzt nur darauf an, wie die Reitlehrerin zu beiden Mädchen stand, ob sie objektiv war oder eine von beiden bevorzugte, fragte ich mich innerlich etwas verunsichert, als es schon zu den Ställen ging. Michelle war vor gelaufen und begann bereits, ihr Lieblingspferd zu satteln. „Entschuldigen Sie bitte“, wendete ich mich an die Reitlehrerin, „nach welchen Kriterien wird denn hier entschieden, wer welches Pferd reiten darf?“, fragte ich. Die Lehrerin lächelte mir zu und nickte: „Nach Größe.“ Ich erwiderte ihr Nicken. „Und wenn Joana auch Virginia reiten will, was ist dann?“, fragte ich. „Dann wechseln sich die Mädchen ab“, entgegnete die junge Frau. Wieder nickte ich. „Michelle behauptet, Joana nehme ihr immer das Pferd weg“, bemühte ich mich um eine klare Darstellung des Sachverhaltes. Die Reitlehrerin lachte. Fast hätte ich erwartet, dass sie ihre Mähne dabei nach hinten geworfen hätte, doch ihr Kopf blieb gerade. „Michelle fühlt sich immer benachteiligt“, antwortete sie ruhig, „egal um was es geht“. Aha, dachte ich. Vielleicht war das die Antwort in Bezug auf alle, die auf andere schossen, ob mit Worten oder mit was auch immer: Sie fühlten sich benachteiligt. „Danke“, lächelte ich, wohl noch immer, „Sie haben mir sehr geholfen.“

Du brauchst gar nicht zu lügen

Als Joana mit Helm auf mich zugeflitzt kam, ergriff ich die mir gebotene Gelegenheit beim Schopf, umarmte sie und sagte: „Weißt Du Schatzelein, Lügen zeigen eigentlich nur, dass sich jemand benachteiligt fühlt und sich einen Vorteil verschaffen will. Du musst also gar nicht lügen, Du kommst auch so weiter.“ Verdutzt schaute mich mein Patenkind an, aber sie mochte mich einfach zu sehr, woran auch meine kryptischen Aussagen nix ändern konnten. „Ich meine“, versuchte ich lachend für Klarheit zu sorgen, „lügen soll man dann nicht, wenn man es gar nicht nötig hat. Und wenn jemand lügt, dann hat er es wohl nötig“, fügte ich an. In ihrer süßen Art schlang Joana ihre Arme um mich und sagte laut: „Ach Tante, ich weiß, dass ich nicht lügen muss, aber ich dachte, du erzählst mir mal was über die zehn Gebote.“ Damit ließ sie von mir ab und ich sie die gesamte Reitstunde über nicht mehr aus den Augen. Brauchten selbstbewusste Menschen keine Lügen? Und hätte ich ihr sagen sollen, an was ich wirklich glaube? Nämlich daran, dass es mehr zwischen Himmel und Erde gab als platte Worte, die so schnell entkräftet werden konnten wie sie aufgetaucht waren? Immerhin hatte ich jenen Nachmittag verstanden, dass es an mir lag, meine Meinung zu sagen. Und zwar die, die zeigte, an was ich wirklich glaubte. Schließlich glaubte ich an einen Schöpfer und seine göttliche Ordnung, in der weder Lügen noch Populismus siegen würden. Und in der alle Mensch wirklich gleich waren.

Autorin: Isabelle Dreher

 

 

 

 

 

 

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