Was kostet ein Mensch?

Was kostet ein Mensch?

Was kostet ein Mensch?

„Was muss ich hier in Deutschland bezahlen, wenn ich einen Menschen kaufen will?“, fragte mich meine Patentochter neulich, als ich sie von der Schule abholte. Joana ist Zehn. Sie besucht eine internationale Schule. Wir alle – also gefühlt alle in meiner Umgebung – sind international. Hautfarbe oder Abstammung, das ist uns – allen – so was von egal. Aber was sollte das mit dem Preis sein? „Du Joana“, begann ich und drückte freundschaftlich ihre Hand. „Was meinst du denn mit ‚einen Menschen kaufen?‘“ Sie machte einen kleinen Hüpfer, schließlich war sie nicht nur international, sondern auch sehr lebendig. Fröhlich lachte sie mich an und antwortete: „Patrick hat erzählt, man kann in Indien Menschen kaufen, sogar Kinder!“ Während ich fieberhaft überlegte, hüpfte sie weiter. Meinte sie, was ein Menschenleben wert ist?

Sind andere Menschen mehr wert als wir?

„Du Joana“, setzte ich erneut an, während sie anderen Kindern winkte, als wir durch das eiserne Schultor marschierten, „meinst Du, ob Deine Schwester oder dein Bruder mehr wert sind als du?“ „Nein“, sagte sie und zog an meiner Hand, „Patrick meint, die kann man kaufen und mitnehmen.“ „Aha“, murmelte ich einfältig und überlegte weiter, während wir die Straße entlangliefen und sie durchs Laub stolperte.

Sind Menschen käuflich?

„Joana“, rief ich schließlich aus, „habt ihr in der Schule darüber gesprochen, ob Frauen oder Männer vielleicht käuflich sind?“ Sie blieb kurz stehen, legte den Kopf schief und sah mich drollig an. „Darüber haben wir noch nicht gesprochen“, meinte sie schließlich. Ich nickte. Während ich fieberhaft weiter darüber nachdachte, was wohl noch an Menschen käuflich war. Ich öffnete mit der Fernbedienung den Wagen. „Oder geht es dabei vielleicht um Nieren oder Transplantationen?“, fragte ich. „Nein“, lachte sie, zog die Autotür auf, schmiss ihre Sachen hinein, machte es sich bequem und lächelte mir aufmunternd zu, bis ich es endlich hinters Lenkrad geschafft hatte. „Du Schätzelein“, fragte ich schließlich mit neuem Schwung nach hinten, wer ist denn dieser Patrick?“ Joana griff nach ihrem Rucksack und zog ihre Brottasche hervor. „Das ist der Sohn von Ingo Ruckert, den kennst du doch vom Sommerfest.“ Ich nickte zerstreut und fuhr los. „Und was macht Patricks Vater noch gleich?“, fragte ich und betrachtete Joana im Rückspiegel. Wie sie so da saß, im Rahmen des Spiegels, ganz versunken in den Augenblick, wirkte sie wie ein Gemälde. „Der macht Autos.“ Ich musste unweigerlich lachen. Langsam kam ich der Antwort näher. „Ach ja, ich erinnere mich, der ist bei einem großen deutschen Autokonzern. Die produzieren bestimmt in Indien und bezahlen dort Arbeitskräfte.“ Ich blickte in den Rückspiegel. Joana biss genüsslich in ihr Pausenbrot. „Das weiß ich nicht“, entgegnete sie und blickte zum Fenster hinaus. In rasantem Tempo fuhren wir die Allee entlang. Ich drosselte etwas, denn auf dieser Strecke wurde oft geblitzt. „Hat Ingo ein Kind vielleicht adoptiert?“ Joana kaute zu Ende, schüttelte den Kopf und belehrte mich: „Nein, Max Familie hat ein Kind adoptiert, aber aus China glaub ich.“ Ich kam nicht weiter.

Gibt es heute noch Sklaven?

„Hat es etwas mit Sklaven zu tun?“, fragte ich weiter. Das Thema ‚Menschen kaufen und sie am besten auch gleich noch mitnehmen‘, ließ mir keine Ruhe. Joana nickte. Erleichtert atmete ich aus. Langsam schlängelte ich mich durch die kleinen Gässchen des Vorortes, in dem Joana mit ihrer Familie, also meinen Freunden wohnte. „Sklaverei gibt es doch eigentlich gar nicht mehr“, tastete ich mich vor. Was lernten denn Zehnjährige heute und vor allem – in welchem Fach? „Sklaverei ist offiziell abgeschafft“, belehrte mich mein gemäldegleiches Patenkind. „Das fing im 18 Jahrhundert an, da wurden weltweit die ersten Gesetze gegen Sklaverei erlassen.“ Ich nickte. „Sogar Mauretanien hat es 1980 geschafft.“, fügte sie an. Ich kramte in meinem Gehirn danach, wo Mauretanien überhaupt lag.  Es war ein islamischer Staat im Nordwesten Afrikas, drei Mal so groß wie Deutschland, mit fast 3,5 Millionen Einwohnern. „Okay Schätzelein“, bemühte ich mich, unseren Dialog in Schwung zu halten, „und der Patrick meint, dass man heute Geld für Menschen bezahlt, um sie als Sklave mitzunehmen und du willst wissen, ob es das hier auch gibt?“

Gekauft

„Ja“, nickte Joana“, Patricks Mutter hat von einer Nachbarin erzählt, die meint, ein Mensch auf dem Markt in Indien kostet etwa  90 Dollar.“ Ich schluckte. Indien mit 1,25 Milliarden Menschen ist bekannt für Kinderarbeit, für die ‚Unberührbaren‘, die Dalits, die der  ‚unreinen‘ Kaste angehören und für weitere Lebensumstände, von denen man lieber nichts wissen möchte. Aber dass dort Menschen – mal ganz zu schweigen von Kindern – gehandelt werden wie Slaven, das war mir zu viel. So was kannte ich höchstens aus amerikanischen Filmen. Wir waren vor dem Haus meiner Freundin angekommen. Nachdenklich stieg ich aus, während Joana auf den Golden Retriever zusprang  – oder umgekehrt. An der Haustür kam mir Nicki entgegen, die Joana den Schulranzen abnahm und mich umarmte. „Kannst du dir vorstellen, dass jemand ein Kind kauft?“, fragte ich sie. Nicki ließ mich abrupt los und blickte mich irritiert an. „Manche Eltern bekommen eben keine Kinder“, antwortete sie. „Es ist doch gut, dass die aus ungünstigen Umständen eine Möglichkeit bekommen, woanders aufzuwachsen.“ Wir setzten uns in Richtung Haus in Bewegung. Angestrengt dachte ich nach. War das nicht verboten, im Rahmen von Adoption als Gegenleistung für den angehenden Menschen Geld über den Tisch zu schieben? „Viele haben doch sonst kaum eine Chance“, fuhr meine Freundin fort. Ich stolperte über den Hund. „Ich meine Sklaven“, murmelte ich, richtete mich zu voller Größe auf und schrie gegen das Haus: „Man kann doch nicht ein Kind auf dem Sklavenmarkt einfach einkaufen! Was ist das denn für eine Welt, in der wir leben?“ „Schau mal“, rief Joana und kam freudestrahlend auf mich zugelaufen, die ich inzwischen im Flur mit meinen Schnürschuhen kämpfte. „Mia hat mir einen bunten Kugelschreiber geschenkt.“ Der Stift glitzerte und glänzte. „Wo hast du den Kuli gekauft?“, fragte ich Mia später in der Küche. Sie war 14 und so groß wie ihre Mutter. „Im Fair-Trade“, antwortete sie korrekt. Langsam entspannte ich mich wieder. Aber der Umstand, dass Kinder – wo auch immer auf der Welt-  verkauft und gekauft wurden, ließ mir keine Ruhe mehr. Ab da wollte ich mehr darüber wissen. Und auch über eine Welt, die gerechter sein könnte als die derzeitige. Mit einem übergeordneten, göttlichen Rechtssystem und nicht einem, der Menschen dem absoluten Horror auslieferte: Sklaverei. In diesem Sinne glaubte ich an einen Christus, der dein Preis für alle und wirklich alles bezahlt hatte.

Autorin: Isabelle Dreher

Wenn Sie mehr über moderne Sklaverei wissen möchten, schauen Sie sich den Globalen Index an:

http://www.globalslaveryindex.org/about/

Infos gibt es auch unter https://www.freetheslaves.net/

Professor Kevin Bales (60), Soziologe an der Roehampton University in London und Präsident der Organisation „Free the slaves“, forscht seit 20 Jahren zu dem Thema Sklaverei.